SHIFT · Nach der Übernahme
Unternehmenskauf: Welche Prozesse brauchst du nach der Übernahme?
· Folge #31 mit Eva Jacob
Du hast P&L-Verantwortung, kannst einen Businessplan lesen und weißt, wie man Ergebnisse steuert. Wenn du kaufen statt gründen willst, wartet trotzdem eine besondere Führungsaufgabe: Du übernimmst Abläufe, Kundenbeziehungen und Wissen, deren Zusammenspiel du erst verstehen musst. Ein unterschriebener Kaufvertrag macht dieses Wissen noch nicht zugänglich.
Darüber spreche ich in Folge #31 des buypreneur-Podcasts mit Eva Jacob. Sie hat bei 1KOMMA5° den Aufbau neuer Standorte verantwortet und aus einem Expansion-Blueprint elf Niederlassungen aufgebaut. Heute unterstützt sie mit Ankerkern mittelständische Unternehmen dabei, Wissen zu sichern, Prozesse zu digitalisieren und KI sinnvoll einzusetzen. Mich interessiert dabei besonders: Was solltest du nach dem Kauf zuerst tun – und was bewusst lassen?
Was solltest du in den ersten 90 Tagen nach dem Unternehmenskauf tun?
Evas Empfehlung ist deutlich: Verstehe den Betrieb und erfasse sein Wissen strukturiert, bevor du optimierst. In den ersten 90 Tagen würde sie sich auf dieses Verständnis konzentrieren, statt sofort Veränderungen anzuschieben.
Das klingt für jemanden mit Ergebnisverantwortung möglicherweise zu zurückhaltend. Du hast schließlich einen Plan, willst Verbesserungen erreichen und siehst wahrscheinlich schnell Dinge, die sich anders organisieren ließen. Eva warnt aber gerade vor dem Umbau mit der Brechstange. Auch sie habe den Fehler gemacht, zu ungeduldig zu sein. Entscheidend sei zunächst die Frage, warum ein Ablauf heute so funktioniere.
Im Acquisition Compass gehört diese Aufgabe zur Station SHIFT: Jetzt geht es darum, das gekaufte Unternehmen zu führen und seine Funktionsweise zu verstehen.
| Thema | Kernaussage aus der Folge | Was das für dich heißt |
|---|---|---|
| Übernahmestart | Eva empfiehlt, zunächst zuzuhören und Wissen zu erfassen. | Verstehen kommt vor dem Umbau. |
| Schlüsselpositionen | Für Eva sind die richtigen Menschen der größte operative Hebel. | Prüfe, wer Verantwortung übernimmt und Umsetzung ermöglicht. |
| Steuerung | Eva setzt auf Frühindikatoren und klare Verantwortliche. | Miss nicht nur Ergebnisse, sondern auch deren Vorlauf. |
| Digitalisierung | Sollprozesse sollten laut Eva vor der Software definiert werden. | Ein neues System ersetzt keine Prozessklärung. |
| KI-Einsatz | Ankerkern beginnt mit einem konkreten Anwendungsfall. | Starte gezielt, statt die gesamte Organisation auf einmal umzustellen. |
Quelle: buypreneur-Podcast Folge #31
Meine praktische Ableitung: Zuhören ist hier keine Pause vor der eigentlichen Arbeit. Es ist die Arbeit, die deine späteren Entscheidungen belastbar macht. Genau deshalb lohnt sich auch der Blick auf die ersten sechs Monate nach der Übernahme.
Wie erkennst du kritisches Wissen in den Köpfen einzelner Mitarbeitender?
Kritische Wissensabhängigkeiten erkennst du laut Eva vor allem an blockierten Entscheidungen, längeren Durchlaufzeiten und fehlenden Vertretungen. Wenn ein Prozess bei Abwesenheit einer Person stehen bleibt, hast du einen konkreten Ansatzpunkt.
Im Gespräch beschreibt Eva dafür eine typische Schlüsselfigur: einen Mitarbeiter, zu dem alle gehen, weil nur er bestimmte Fragen beantworten könne. Ihre Empfehlung sei nicht, diese Person als Problem zu betrachten. Zunächst müsse klar werden, was sie wisse, welche Entscheidungen bei ihr zusammenliefen und warum andere diese nicht übernehmen könnten.
Als Beispiel nennt Eva einen Betrieb, in dem eine Mitarbeiterin Wasserrechtsanträge bearbeite. Weil die Formulare auf Kreisebene unterschiedlich seien und das Wissen bei ihr liege, könnten Projekte während ihrer Abwesenheit ins Stocken geraten.
Für die Prozessaufnahme empfiehlt Eva einfache Fragen: Wer mache was, wie und wann? KI-gestützte Befragungen und Transkripte könnten helfen, das Wissen anschließend zu strukturieren. Sie ersetzten aber nicht das Gespräch.
Meine Ableitung: Bevor du Aufgaben neu verteilst, musst du verstehen, welches Erfahrungswissen daran hängt. Das verbindet Prozessarbeit unmittelbar mit der Frage, wie du die echten Kernkompetenzen eines Unternehmens erkennst.
Warum sind Schlüsselpersonen wichtiger als ein perfektes Prozesshandbuch?
Weil Prozesse Menschen brauchen, die sie im Alltag tragen und umsetzen. Eva nennt die richtige Besetzung der Schlüsselpositionen als wichtigsten Hebel dafür, dass ein Standort ins Laufen komme.
Bei 1KOMMA5° habe nicht vom ersten Tag an ein fertiges Handbuch vorgelegen. Der Blueprint sei während des Aufbaus entstanden. Erfolgreich seien Standorte dort gewesen, wo Verantwortliche motiviert gewesen seien, an das Vorhaben geglaubt und konsequent umgesetzt hätten.
Manche Schlüsselrollen seien zudem ganz handfeste operative Voraussetzungen. Eva nennt den Elektromeister: Ohne diese Besetzung könne ein Elektroinstallationsbetrieb nicht einfach mit der Installation loslegen. Ein guter Vertriebsplan löse diesen Engpass nicht.
Zur Führung gehöre für sie außerdem Nähe zum tatsächlichen Geschehen. In einer früheren operativen Station habe sie erlebt, dass Prozesse rund um Baustellen zu weit entfernt vom Arbeitsalltag der Handwerker entwickelt worden seien. Büroteams hätten häufiger draußen sein müssen.
Ich nehme daraus mit: Dein Organigramm zeigt dir Zuständigkeiten, aber noch nicht, ob Zusammenarbeit funktioniert. Dafür musst du sehen, wie Büro, Vertrieb und operative Teams tatsächlich miteinander arbeiten – und wo sie aneinander vorbeiplanen.
Wie entsteht ein Blueprint für weitere Standorte oder Zukäufe?
Ein belastbarer Blueprint entsteht aus verstandener Betriebspraxis, nicht allein aus einem Konzept. Eva beschreibt, wie bei 1KOMMA5° Erfahrungen aus zugekauften Betrieben in den Aufbau eigener Standorte eingeflossen seien.
Anfangs seien Handwerksbetriebe gekauft, digitalisiert und integriert worden. Nach etwa einem Jahr habe das Team daraus einen Blueprint entwickelt und begonnen, eigene Betriebe aufzubauen. Diese hätten zunächst Vertrieb, Auftragsabwicklung und Service abgedeckt.
Der Vorteil sei die Vergleichbarkeit gewesen: Durch die vorhandenen Betriebe habe das Team unterschiedliche Lösungen im echten Alltag beobachten können. Daraus hätten sich sinnvolle Sollprozesse und benötigte Rollen ableiten lassen.
Eva warnt dabei vor einem Ungleichgewicht zwischen Vertrieb und Operations. Wer den Verkauf schneller hochfahre als die operative Leistungsfähigkeit, riskiere Aufträge, die sich so nicht sinnvoll abwickeln ließen oder an denen zu wenig verdient werde. Umgekehrt dürfe die operative Seite den Vertrieb nicht vollständig ausbremsen.
Für mich liegt hier der Unterschied zwischen Wachstum und bloßer Wiederholung: Du willst nicht dieselben ungeklärten Abläufe vervielfachen. Du willst verstehen, was funktioniert, welche Voraussetzungen es braucht und wie Vertrieb und Umsetzung zusammenpassen.
Welche KPIs helfen dir nach einer Unternehmensübernahme wirklich?
Eva empfiehlt wenige, verständliche Kennzahlen mit klarem Verantwortlichen und einem Schwerpunkt auf Frühindikatoren. Konkret nennt sie fünf bis sieben Kennzahlen pro Einheit oder Funktion.
Der Auftragseingang stehe für sie weit vorne, weil er auf künftigen Umsatz hinweise. Dazu komme der Deckungsbeitrag beziehungsweise die Marge: Eine volle Pipeline sage noch nicht, wie viel das Unternehmen an den Aufträgen verdienen werde.
Ebenso wichtig seien die zeitlichen Abstände zwischen Leads, Angeboten, Aufträgen und Umsetzung. Wer einen bestimmten Umsatz zu einem späteren Zeitpunkt plane, müsse zurückrechnen, welche Aktivitäten dafür bereits vorher erforderlich seien. Kundenurlaub und Verzögerungen gehörten dabei zur betrieblichen Realität.
Eva ergänzt die Mitarbeiterzufriedenheit als qualitative Größe. Regelmäßige Gespräche seien für sie eine Führungsaufgabe, nicht bloß ein Thema für Befragungssoftware.
Besonders wichtig finde ich ihren Hinweis auf die Verantwortung: Jede Kennzahl brauche jemanden, der sich um ihre Verbesserung kümmere. Außerdem müsse der Zusammenhang stimmen. Eine bessere Conversion Rate helfe wenig, wenn gleichzeitig das Angebotsvolumen so stark sinke, dass insgesamt weniger Geschäft entstehe. Dein Kennzahlensystem soll Entscheidungen unterstützen, nicht isoliert gute Werte produzieren.
Warum solltest du Prozesse vor einem neuen ERP-System klären?
Weil ein neues System ungeklärte Abläufe nicht automatisch verbessert. Eva sieht einen typischen Übernahmefehler darin, Digitalisierung als Werkzeugfrage statt als Arbeit an der Organisationsstruktur zu behandeln.
Der Impuls sei nachvollziehbar: Du findest eine alte, selbst gebaute Software vor und möchtest sie ersetzen. Wenn du aber vorher weder Wissen sicherst noch gewünschte Abläufe beschreibst, hast du anschließend möglicherweise nur ein weiteres Tool. Der eigentliche Prozess bleibe ungeklärt.
Eva empfiehlt deshalb die Reihenfolge: bestehende Abläufe verstehen, Sollprozesse definieren und anschließend digitalisieren. Zugleich sei sie überzeugt, dass relevante Informationen in ein System gehörten. Gerade im Handwerk entstünden Informationen häufig unterwegs, etwa durch einen kurzen Kundenanruf. Als mögliche Unterstützung nennt sie Spracheingaben, aus denen ein Bautagebuch erstellt werden könne.
Meine praktische Ableitung: Stelle vor der Softwareentscheidung die Frage, welcher Ablauf damit verlässlich funktionieren soll. Und kläre, welches Wissen der bisherige Inhaber dafür übergeben muss. Damit hängt Prozessarbeit auch mit dem Loslassen in der Unternehmensnachfolge zusammen: Eine Übergabe braucht mehr als die formale Verfügbarkeit des Verkäufers.
Was bringt ein digitaler Organisationszwilling im Mittelstand?
Ein digitaler Organisationszwilling macht nach Evas Beschreibung sichtbar, wie Daten, Menschen und Systeme in einem Ablauf zusammenwirken. Ankerkern bilde dafür nicht sofort das gesamte Unternehmen ab, sondern beginne mit einem konkreten Anwendungsfall.
Ihr Beispiel ist die Bearbeitung von Serviceanfragen. Dabei werde geklärt, wo eine E-Mail eingehe, in welchem System Informationen abgelegt würden, wer zusätzliche Angaben nachschlage und wie die Antwort entstehe. So werde nachvollziehbar, wer wann was tue und welche Systeme beteiligt seien.
Auf dieser Grundlage entwickle Ankerkern einen passenden KI-Agenten. Dessen Nutzen werde mit der Ausgangssituation verglichen: Wie lange dauere die Bearbeitung vorher? Welche Anfragen oder Angebote blieben liegen? Was verbessere sich durch die Unterstützung?
Eva beschreibt außerdem einen Parallelbetrieb vor dem produktiven Einsatz. Die Agenten würden zunächst trainiert und geprüft, bevor sie in den Realbetrieb gingen.
Für mich ist daran nicht der Begriff entscheidend, sondern die Transparenz. Wenn du einen Ablauf vollständig nachvollziehen kannst, lässt sich auch konkreter entscheiden, wo Automatisierung hilft und woran du ihren wirtschaftlichen Nutzen erkennen willst.
Wie führst du KI ein, ohne dein Team zu überfordern?
Eva empfiehlt einen eng abgegrenzten Einstieg, die frühe Beteiligung der betroffenen Fachleute und klare Kommunikation über die Kontrolle durch Menschen. Ein unternehmensweiter KI-Rollout sei nicht ihr Ausgangspunkt.
Ankerkern beginne mit der Geschäftsführung und hole anschließend die Verantwortlichen für den ausgewählten Anwendungsfall dazu. Im Service wären das beispielsweise diejenigen, die die Anfragen heute bearbeiteten. Zunächst werde zugehört: Was machten diese Menschen den ganzen Tag, welche Aufgaben belasteten sie, und wobei benötigten sie Unterstützung?
Eva berichtet, dass konkrete Entlastung verständlicher sei als allgemeine KI-Versprechen. Wiederholtes Umwandeln von E-Mails in PDFs und das Ablegen in Ordnerstrukturen seien andere Aufgaben als das persönliche Gespräch mit einem verärgerten Kunden. Für Letzteres könne durch Automatisierung mehr Raum entstehen.
Bemerkenswert finde ich ihre Bodenständigkeit beim Nachfassen von Angeboten. Dafür könne man einen Agenten bauen. Man könne aber auch zunächst einen festen Termin etablieren, an dem der Vertrieb offene Angebote nachverfolge.
Meine praktische Ableitung: Beginne mit einem echten betrieblichen Problem und einem klaren Verantwortlichen. Ob die passende Lösung zuerst eine Führungsroutine, ein besserer Prozess oder ein KI-Agent ist, sollte sich daraus ergeben – nicht aus dem Wunsch, möglichst schnell KI einzuführen.
Meine Einordnung & Fazit
Ich ordne die Folge vor allem als Erinnerung an die Führungsarbeit nach dem Kauf ein. Wer kauft, muss auch bauen können: nicht zwangsläufig alles neu, sondern Wissen zugänglich machen, Verantwortung klären und funktionierende Abläufe wiederholbar gestalten. Evas Erfahrungen zeigen für mich, warum Menschen, Prozesse und Kennzahlen zusammengehören. KI kann dabei unterstützen, ersetzt aber nicht das Verständnis für den Betrieb.
Mein Fazit: Wenn du kaufen statt gründen willst, plane die Zeit nach dem Closing nicht nur als Umsetzung deines Businessplans. Plane sie auch als Lernphase, in der du herausfindest, worauf das Unternehmen tatsächlich angewiesen ist. Erst daraus entstehen sinnvolle Veränderungen und belastbare Voraussetzungen für Wachstum. Wenn du diese Fragen mit anderen ernsthaften Searchern besprechen möchtest, komm in den buypreneur Circle.
